Geschichte der Frühen Neuzeit
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Die Wahrnehmung und Bewältigung der historischen Brüche um 1800 durch Funktionseliten des Alten Reiches. Eine prosopographisch angelegte Wahrnehmungsgeschichte

Gefördert von Fritz Thyssen Stiftung (Köln)

Projektbeschreibung

Mit der Gründung des Rheinbundes und der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Sommer des Jahres 1806, wurden auch die zentralen Institutionen Deutschlands, die beiden höchsten Reichsgerichte in Wien und Wetzlar, der Reichstag in Regensburg sowie die Reichsvizekanzlei in Wien, aufgelöst. In der Folge wurde das an diesen Institutionen beschäftigte Personal nicht nur aus ihren Diensten entlassen, zugleich wurden auch die bis dahin gültigen, auf das Funktionieren des Reiches bezogenen und Identität verbürgenden Wissensbestände der Funktionäre entwertet. Ein Weltbild hatte seine Welt verloren. 
In der Erforschung der Zeit um 1800 besteht ein Defizit, nämlich die Frage: Wie bewältigten jene Eliten, die in besonderem Maße von den Strukturen des Reiches abhängig waren, die Wende von 1806? Damit ist die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität der Reichsidee oder deren Transformation unter den Bedingungen der neuen Ordnung aufgeworfen. Welche Bedeutung hatte dieser Vorgang für die Befindlichkeit der Zeitgenossen und die deutsche Verfassungsdiskussion im Bund und in den Territorien? 
Im Rahmen des seit dem 1. Februar 1998 von der Fritz Thyssen Stiftung gefördeten und von Prof. Dr. Winfried Schulze geleiteten Projektes, wird bisher anhand von zwei Personengruppen, den ehemaligen Gesandten des Reichstages und den Richtern des Reichskammergerichtes in Wetzlar untersucht, wie der Verlust der materiellen Existenzgrundlage und die Entwertung der kollektiven Wissensbestände wahrgenommen und bewältigt wurde.

Die Methode

Die methodische Grundlage der Untersuchung bildet eine Verbindung von Verfahren der Prosopographie mit einen wahrnehmungsgeschichtlichen Ansatz. Wir nennen dieses Verfahren eine prosopographisch angelegte Wahrnehmungsgeschichte und sind der Überzeugung, daß wir mit diesem methodischen Instrumentarium das beschriebene Forschungsdefizit beheben können. Untersuchungsgegenstand der prosopographisch angelegten Wahrnehmungsgeschichte sind Kollektive, die nicht durch die Adaption bestimmter neuer Ideen oder identischer Verhaltensweisen definiert werden (z. B. die Gesellschaft der Aufklärer, die deutschen Jakobiner, die Träger der Bürokratisierung). Nicht eine bestimmte Geisteshaltung oder Ideenfiliation, Aufstieg, Verbreitung und soziale Anbindung einer neuen Geisteshaltung sollen untersucht werden, sondern das bei einer bestimmten Personengruppe zu findende Spektrum von Ideen und die geistige Bewältigung eines fundamentalen Bruchs im sozialen, politischen und verfassungsrechtlichen Bereich, der zum Zusammenbruch des kollektiven Bewußtseins führte. Insofern unterscheidet sich dieser methodische Ansatz von älteren Versuchen, die tradierte Geistesgeschichte mit Hilfe der Sozialgeschichte zu überwinden. Bei diesen Ansätzen blieb es letztlich – wenn auch nach Trägerschichten, Medien und Wirkungen differenziert – bei der Untersuchung einer bestimmten Geisteshaltung. 
Studien zur jüngeren und jüngsten deutschen Geschichte, die ebenfalls Personenkollektive und historische Umbrüche behandeln, können der angestrebten Untersuchung nicht als Vorbilder dienen. Denn ihr Erkenntnisinteresse ist weniger auf die Auswirkungen der Umbruchserfahrungen und auf den Ideenhaushalt der Kollektivmitglieder gerichtet, als auf biographische Aspekte. Während jüngere Kollektivbiographien den parallel verlaufenden Prozeß des Aufstiegs eines Berufstandes und der Umgestaltung des Staates beschreibt, geht es in der angestrebten Untersuchung um die Reflexion über das Auseinanderbrechen dieser Parallelität. 
Dennoch soll nicht auf eine sozialhistorische Fundierung verzichtet werden. Sie soll der exakten Beschreibung der zu untersuchenden Personengruppe dienen. Die von Hans Ulrich Gumbrecht, Rolf Reichardt und Thomas Schleich angestrebte »Sozialwissenschaft als Geschichte historischer Gefühls- und Bewußtseinslagen« faßt Mentalität als ein stabiles Element der »longue durée«, als integralen Bestandteil sozio-kultureller Systeme. Darüber hinausgehend soll in dem anvisierten Forschungsprojekt die Frage beantwortet werden, inwieweit sich diese Mentalitäten verändern, wenn die sozio-kulturellen Systeme plötzlich wegbrechen. Angestrebt wird auch eine Geschichte der Bewältigung von Um- und Entwertungen hergebrachter Wissensbestände und geistiger Orientierungen. Diese methodische Herangehensweise erlaubt es, die Verbreitung von neuen Ideen und die Transformation von alten Ideen ähnlich zu verfolgen, wie man die Verbreitung bzw. das Vorhandensein bestimmter Substanzen in den Naturwissenschaften mit der Hilfe von Kontrastmitteln überprüft. 
Eine prosopographisch angelegte Wahrnehmungsgeschichte für die Zeit um 1800 kann auch paradigmatische Ergebnisse für die geistige Bewältigung anderer historischer Wenden liefern; wichtiger sind jedoch die neuen methodischen Perspektiven, die sie eröffnet. Im Gegensatz zur traditionellen Ideengeschichte kann mit Hilfe dieses Ansatzes die Verbreitung bestimmter Ideen in einem definierten Rahmen nachvollzogen werden. Der Rahmen ist das Spannungsfeld, das sich aus den Gemeinsamkeiten und individuellen Besonderheiten, der räumlichen Vielfalt und der zeitlichen Tiefe ergibt, die aus der Herkunft, Bildung und Lebensdauer der Kollektivmitglieder folgen. Die räumliche Dimension umfaßt das Gebiet des Alten Reiches. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich in einem engeren Sinne von 1806 bis ca. 1850. Damit gerät also ein Zeitraum in den Blick, der die Zeit des Rheinbundes, die Epoche des Wiener Kongresses, des Deutschen Bundes, des Vormärzes und der Märzrevolution umfaßt. In einem weiteren Sinne umschließt der Rahmen einen Zeitraum von ca. 110 Jahren (ca. 1740 bis ca. 1850), der sich aus den Geburts- bzw. Sterbedaten der ältesten bzw. jüngsten Mitglieder der Personengruppen ergibt.

Die Funktionäre des Alten Reiches

Fast alle Spitzenfunktionäre des Alten Reiches waren Juristen und zeichneten sich durch ein typisches Ausbildungsprofil aus. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts studierten sie häufig in Göttingen. Im katholischen Bereich sind neben Straßburg und Würzburg insbesondere das vorderösterreichische Freiburg und Wien als Studienorte zu nennen. Zunehmend studierten aber auch angehende katholische Juristen an den berühmten protestantischen Universitäten, an denen das protestantische Deutschland erfolgreich in der Theorie kompensierte, was die katholischen Reichsjuristen lange Zeit vorwiegend in der Praxis der Reichsinstitutionen erlernt hatten. Die Ausbildung sowohl der protestantischen als auch der katholischen Juristen wurde von einer spezifisch juristischen, mit Praktika verbundenen Bildungsreise gekrönt. Goethe hat in seinem Wertherroman einen Teil einer solchen – in diesem Fall jedoch bereits in Wetzlar, dem Sitz des Reichskammergerichts, gescheiterten ? Ausbildungsreise illustriert. Der Ort, an dem Werthers Karriere endete, war eine von drei Stationen vieler erfolgreicher Juristenkarrieren im 18. Jahrhundert. 
Wetzlar, die Stadt des Reichskammergerichts, Regensburg, die Stadt des Immerwährenden Reichstages und Wien, die Stadt der Reichsvizekanzlei, des Reichshofrates und der kaiserlichen Residenz, waren die typischen Stationen dieser spezifisch reichsrechtlichen »Peregrinatio academica«. Kam es während der Ausbildungsreise zur Wahl und Krönung eines künftigen Reichsoberhauptes, so gehörte auch Frankfurt am Main, der Ort von Wahl und Krönung, zu den unumgänglichen Stationen der Tour. Der später berühmte Johann Stephan Pütter unternahm diese Reise am Beginn seiner Karriere mit einem Stipendium der hannoverschen Regierung. Eine Vielzahl der am 6. August 1806 noch am Reichstag akkreditierten Diplomaten, wie der bis zu diesem Zeitpunkt am Reichskammergericht tätigen Assessoren, hatte bei Pütter in Göttingen studiert, und natürlich auch die beschriebene »Peregrinatio academica« absolviert. Alle werden wohl während ihres Studiums Pütters Schriften herangezogen haben. Unentbehrlich für die Praxis – ja zum Teil normierend – waren die zahllosen Werke Johann Jakob Mosers, des Patriarchen der Reichspublizistik. 
Diese relativ standardisierte, gleichzeitig langwierige und kostspielige Ausbildung führte bei ihren Absolventen zu einem relativ einheitlichen Ensemble von handlungsorientierenden Wissensbeständen, Werten und Einstellungen, insbesondere im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Dieses Ensemble war ein auf das Reich bezogenes Weltbild, dessen sich die Zeitgenossen durchaus bewußt waren. Dazu gehörte neben der Kenntnis historisch gewachsenen Rechtsverfassung des Reiches und der Rechtspraxis an an den beiden Reichsgerichten auch das Wissen, daß das Reich angesichts der neu heraufziehenden Zeit in seiner Existenz gefährdet sei. 
Das Ende des Reiches, das die Wissensbestände der Theoretiker wie Praktiker des Reichsstaatsrechtes gleichermaßen betraf, hatte für die Funktionäre des Reiches weit unmittelbarere Auswirkungen, als für die Mitglieder der territorialen Administrationen oder einfache Bauern, da selbst die strukturverändernden Ereignisse zwischen 1789 und 1815 auf bestimmte Lebensverhältnisse nicht, nur bedingt oder nur sehr langfristig wirkten. Die Funktionseliten der mediatisierten Territorien wurden häufig in den Dienst der neuen Herren ihrer Länder übernommen und nahmen dort ähnliche Aufgaben wie zuvor wahr. Die Funktionäre des Reiches müssen hinmgegen zunächst als Verlierer des historischen Prozesses gelten und es wird daraquf ankommen, die höchst unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Betroffenen nach der Auflösung des Reiches nachzuzeichnen werden. Das bildet die Voraussetzung um eine Typologie der Deutungs- und Handlungsmuster zu erstellen, die in Auseinandersetzung mit der Auflösung des Reiches und der Etablierung der neuen Ordnung in Deutschland entstanden sind.

Dr. Wolfgang Burgdorf 
Die Wahrnehmung und Bewältigung der historischen Zäsur von 1806 durch die Gesandten des Regensburger Reichstages. (siehe Aufsatz

Dr. des. Eric- Oliver Mader
Die Wahrnehmung und Bewältigung der historischen Zäsur von 1806 durch die letzte Generation von Richtern des Reichskammergerichtes. 

N.N. 
Die Wahrnehmung und Bewältigung der historischen Zäsur von 1806 durch die Richter des Wiener Reichshofrates. 

N.N. 
Die Wahrnehmung und Bewältigung der historischen Zäsur von 1806 durch die Mitglieder der Reichsvizekanzlei in Wien.


Ein Weltbild verliert seine Welt. Die Bewältigung des Reichsendes durch die Funktionseliten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, unter besonderer Berücksichtigung der ehemaligen Gesandten des Regensburger Reichstages

Das Ziel des Vorhabens besteht darin, zu analysieren, wie das Personal des Alten Reiches die tiefgreifende Krise um 1800, das Ende Alteuropas und des Reiches, am 6. August 1806, das ihr ideeller, sozialer und beruflicher Existenzrahmen war, geistig bewältigte. Dies soll am Beispiel von 28 ehemaligen Reichstagsgesandten geschehen, die durch ähnliche Bildungs- und Berufsbiographien geprägt waren und die – abgesehen von der Reichsaristokratie – neben den Mitgliedern des Reichskammergerichtes, des Reichshofrates und der Reichsvizekanzlei bis 1806 die Funktionselite des Alten Reiches bildeten. 
Bislang ist das Schicksal der Funktionäre des Alten Reiches nach 1806 noch nicht von der Forschung wahrgenommen worden. Eine wahrnehmungs- und erfahrungsgeschichtliche Untersuchung über den historischen Umbruch von 1806 liegt überhaupt noch nicht vor, obgleich sich hierfür besonders die vormaligen Funktionseliten des Reiches anbieten. Zumal viele Zeitgenossen, im Gegensatz zu der immer wieder kolportierten Bewertung des Ereignisses durch Goethe, das Ende des Reiches als dramatisches Ereignis wahrgenommen haben. 
Für die Reichstagsgesandten gilt, wie Karl Härter, der die Reaktionen des deutschen Reichstages auf die Französische Revolution untersucht hat, formulierte, daß sie bislang von der Forschung »mißachtet« wurden. Dies gilt in gesteigertem Maße für die ehemaligen Reichsstagsgesandten bzw. für die Zeit nach 1806. Auch Härter widmete den auf dem Reichstag behandelten Themen mehr Aufmerksamkeit als den Gesandten. Bezeichnenderweise erwähnt er die Namen mehrerer Repräsentanten kleinerer Stände nur an einer Stelle, nämlich in einer tabellarischen Zusammenstellung aller Gesandten. Hinzu kommt, daß ein Teil der Gesandten auch in den zeitgenössischen biographischen Nachschlagewerken keine Spuren hinterlassen hat. Nur für einige wenige dieser 28 ehemaligen Reichstagsgesandten liegen Biographien vor. 
Als Forschungsdefizite müssen deshalb nicht nur die Frage nach der Wahrnehmung und Bewältigung der Umbruchssituation sowie die ideengeschichtliche Verortung der einzelnen Mitglieder dieser Berufsgruppe gelten, sondern auch die Analyse des Anteils der ehemaligen Reichstagsgesandten bei der Ausgestaltung der Staaten des Deutschen Bundes im frühen 19. Jahrhunderts. 
Während der Übergangsphase des Rheinbundes lassen sich bei den vormaligen Regensburger Gesandten unterschiedliche Verhaltensmuster beobachten. Einige zeigen sich weiterhin als »Reichspatrioten«, andere als reformorientierte oder reformabgeneigte Verfechter der fürstlichen Souveränität. Damit sind zugleich drei grundlegend verschiedene Bewältigungsmechanismen berührt: Der Rückzug aus dem öffentlich-politischen Leben, die publizistische Teilnahme an der politischen Debatte sowie die weitere aktive politische Gestaltung, im Sinne der Reaktion, des Reformabsolutismus, oder auch des Liberalismus. Wobei die Grenzen im Einzelnen nicht immer klar gezogen sind. 
Bei anderen wurde die Reichsidee nach einer Transformationsphase während der Rheinbundzeit und der ersten Jahre des Deutschen Bundes wieder Teil eines in der deutschen Gesellschaft mehrheitsfähigen Orientierungsmusters, des Historismus. Einige der ehemaligen Gesandten wandten sich nach dem Ende des Reiches historischen Studien zu und wurden Mitglieder von Geschichts- und Altertumsvereinen, die nach 1815 überall im ehemaligen Reich und auch in Dänemark entstanden. Andere engagierten sich in der historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 
Dies sind Beispiele für Kompensationsstrategien. Historische Studien erlaubten es, das während der reichsstaatsrechtlichen Ausbildung erlernte Instrumentarium der historischen Argumentation erneut anzuwenden. Gleichzeitig bot es eine Möglichkeit, sich erneut des verlorengegangenen Reiches und seiner historischen Fundamente zu versichern. Diese Gruppe der Funktionäre des Reiches nahm an der geistigen Bewegung teil, die nach dem Ende des Reiches zur Gründung der Monumenta Germaniae Historica führte. 
Die Erfahrung von 1806 konnte aber auch von ehemaligen Mitgliedern der Funktionseliten des Reiches durch eine individuelle teleologische Geschichtsinterpretation aufgefangen werden, zumal wenn es ihnen gelang, ihre Karriere in der Diplomatie, in der Administration oder in der Justiz fortzusetzen. Einige nahmen maßgeblichen Anteil an der Rheinbundpolitik und am politischen Leben des Deutschen Bundes, den sie als Wiederherstellung des Reiches oder als lockere Assoziation souveräner Staaten verstand. Aber – das mühsam erworbene identitätsverbürgende Bildungswissen, welches auf das Funktionieren des Reiches bezogen war, hatte jedoch in jedem Fall am 6. August 1806 zunächst seinen Wert, ja seine Welt verloren.