Geschichte der Frühen Neuzeit
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Die Inquisition und ausländische Protestanten in Spanisch-Amerika (1560–1770). Religion, Rechtspraktiken und Rechtsräume.

 

Die Spanische Inquisition wurde im kolonialen Amerika vergleichsweise spät institutionalisiert. Erst 1569/70 erließ Philipp II. Dekrete, die zur Gründung zweier ordentlicher Tribunale in Mexiko und Lima führten. 1610 erfolgte die Errichtung eines weiteren Tribunals in der karibischen Hafenstadt Cartagena de Indias. In allen Fällen war der Kampf gegen den Protestantismus ein entscheidendes Motiv. Die Verfolgung mutmaßlicher Protestanten – fast immer Ausländer – verlief in den einzelnen Regionen jedoch unterschiedlich. Während es in Mexiko und Lima im 16. Jahrhundert zu zahlreichen Anklagen kam, nahmen diese im 17. Jahrhundert ab. Diese Entwicklung korrespondierte mit dem Abschluss verschiedener internationaler Verträge zwischen Spanien und anderen europäischen Mächten. Hierbei wurde der Handlungsspielraum der Inquisition gegenüber den Untertanen der Vertragspartner eingeschränkt. In Cartagena de Indias hingegen blieb auch in dieser Phase die Zahl der Prozesse gegen Protestanten hoch, sie nahm in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sogar noch zu.

Für die Iberische Halbinsel wurde das Phänomen der abnehmenden Verfolgung ausländischer Protestanten mit einer zunehmenden Toleranz aus Gründen der Staatsräson zu erklären versucht. Diese Argumentation wurde von Teilen der Forschung auch für Spanisch-Amerika übernommen, allerdings ohne dabei die grundlegend anderen Voraussetzungen in den Indias zu reflektieren. Hier setzt mein Dissertationsprojekt an. Ausgehend von der These, dass die Idee einer „Toleranz durch Staatsräson“ als Erklärungsansatz zu kurz greift, untersuche ich den Wandel inquisitorischer Praktiken in Spanisch-Amerika im Zeitraum von 1560 bis 1770. Ich interessiere mich dabei insbesondere für die Herausbildung und Entwicklung von Rechtsräumen im Kontext internationaler Verträge.