Geschichte der Frühen Neuzeit
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Proseminar "Reisen im Zeitalter der Aufklärung: Bildungs-, Forschungs- und Handelsreisen im 'langen' 18. Jahrhundert"

Montag 10-13, Historicum Raum 201 (Leitung: Martin Schmidt)

 

Bau der Teufelsbrücke 1833 (Neue Pinakothek München)„Foreign travel is, of all others, the most important and essential part of education“ heißt es in einem 1764 publizierten fiktiven Dialog zwischen Lord Shaftesbury und John Locke. Seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert und speziell im goldenen Zeitalter der Grand Tour zwischen 1750 und 1789, wurde das Reisen in weiten Teilen der Aristokratie und des gutsituierten Bürgertums als der entscheidende Schritt betrachtet, durch den man sich für die prospektive bzw. erstrebte soziale Stellung qualifizierte: Klassische Bildung wurde durch Betrachtung historischer Orte und Ruinen vertieft, die Umgangsformen geschliffen und Kontakte mit den Eliten anderer Länder geknüpft. Die politischen Verhältnisse fremder Staaten wurden ausgekundschaftet, landwirtschaftliche und gewerbliche Techniken angeeignet, Handels- und Korrespondenznetze gestrickt, fremde Klimazonen und Naturräume erforscht. Kunstwerke und Sachobjekte wurden gekauft oder geraubt und nach Hause verfrachtet. Reisen konnte aber auch Zivilisationskritik entzünden, und Zurückkehrende wurden nicht selten als "effeminiert" und unpatriotisch geschmäht. Im ausgehenden 18. Jahrhundert kam es schließlich zur Entwicklung neuer Reise- und Wahrnehmungsformen und zur Erschließung einst als unwirtlich oder unzivilisiert geltender Reiseziele.

Die Geschichte des Reisens vertieft also den Blick auf die sozialen, politischen und geistig-kulturellen Verhältnisse im Zeitalter der Aufklärung. Diese Grundstrukturen werden in den ersten Sitzungen überblickshaft erörtert, danach werden die verschiedenen Formen des Reisens und ihre Funktionen für Zwecke aufgeklärter Bildung, Forschung, Handel und Gewerbstätigkeit, Gesundheit und Religion thematisiert. Der Schwerpunkt des Proseminars liegt dabei auf Reisen von Briten sowie von Deutschen und Franzosen zwischen 1700 und 1820 in Westeuropa und Übersee. Englischsprachige Quellen und Literatur bilden den Grundstock der Seminarlektüre.

Einführend: Black, Jeremy: The British Abroad. The Grand Tour in the Eighteenth Century, Stroud 2003; Michael Maurer (Hg.): Neue Impulse der Reiseforschung, Berlin 1999.